Orange für Patientensicherheit – gemeinsam für eine sichere Versorgung
Am 17. und 18. September 2026 stand Berlin im Zeichen des Welttags der Patientensicherheit. Im Langenbeck-Virchow-Haus kamen unter dem Motto „Sichere Versorgung chronisch erkrankter Menschen – für ein gutes Leben!“ Orange machte sichtbar, worum es ging: Aufmerksamkeit schaffen, Wissen teilen, Verantwortung übernehmen. In Vorträgen, Diskussionen und persönlichen Gesprächen wurden aktuelle Herausforderungen beleuchtet, Erfahrungen ausgetauscht und neue Impulse für die Arbeit an der Patientensicherheit gesetzt.
Gemeinsam für Patientensicherheit. Gemeinsam für ein gutes Leben.
Grußworte
Der Welttag der Patientensicherheit 2026 liegt nun in der Vergangenheit, die Worte bleiben.
Unser besonderer Dank gilt Bundesgesundheitsminister Dr. Carsten Linnemann, dessen Botschaft zeigt, dass Patientensicherheit auch politisch ein wichtiges Anliegen ist. Ebenso herzlich danken wir allen weiteren Rednerinnen und Rednern für ihre Beiträge.
Statements
stellv. Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG)
Impulse & Vorträge
Während die deutsche Wirtschaft seit 2019 stagniert, wachsen die Sozialausgaben und mit ihnen die Deckungslücken der GKV. Das geplante Beitragsstabilisierungsgesetz wird die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser ab 2027 deutlich verschärfen. Prof. Augurzky zeigt anhand aktueller Zahlen, wie stark Personalaufwand und Regulierung in den letzten Jahren gestiegen sind, und stellt die zentrale Frage, ob dieser Aufwand Patienten wirklich mehr Sicherheit bringt – ein datenbasiertes Plädoyer für einen Mentalitätswechsel hin zu echter Ergebnisverantwortung statt starrer Vorgaben.
Direktor Klinik I für Innere Medizin und CIO, Universitätsklinikum Köln;
Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit & Pflege
Deutschland gibt fast 500 Milliarden Euro jährlich für Gesundheit aus, doch beim Krebsüberleben liegt es im westeuropäischen Vergleich nur im Mittelfeld.
Prof. Hallek zeigt, wie fünf statt drei Therapiesäulen, zielgerichtete Substanzen und komplexe molekulare Diagnostik heute eine Präzision ermöglichen, die nur spezialisierte, zertifizierte Zentren mit interdisziplinären Tumorboards, ausreichenden Fallzahlen und rund um die Uhr verfügbarem Komplikationsmanagement sicher gewährleisten können. Er plädiert dafür, komplexe Krebsbehandlung konsequent an qualifizierte Zentren zu binden, wohnortnahe Versorgung über verbindliche Netzwerke zu sichern und die Finanzierung künftig an Qualität statt an Menge auszurichten.
Wie entstehen eigentlich die Regeln, nach denen Millionen von Patienten in Deutschland versorgt werden – und wer trifft diese Entscheidungen? Dr. Jagota gibt einen Einblick in die Arbeitsweise des Gemeinsamen Bundesausschusses und zeigt am Beispiel zweier zentraler sektorenübergreifender Versorgungskonzepte, wie Patientensicherheit strukturell verankert wird. Anhand aktueller Zahlen zu Teamverteilung, Patientenzahlen und Qualitätszielen zeigt sie, wo diese Versorgungskonzepte heute stehen und welche Weiterentwicklungen für 2027 bereits geplant sind.
Die GKV-Ausgaben für Krankenhäuser sind seit Einführung der DRG von 2,5 auf rund 6,6 Milliarden Euro jährlich gestiegen, während Personal mindestens so knapp ist wie Geld. Johannes Wolff argumentiert pointiert, dass das Gießkannenprinzip ausgedient hat. Er skizziert einen Paradigmenwechsel weg von der Anbieter- hin zur Patientenperspektive: mehr Ergebnisqualität statt Struktur-Bürokratie, denn vermiedene Komplikationen sparen langfristig Kosten. Qualität und Bezahlbarkeit sind kein Gegensatz, sondern zwei Seiten derselben Medaille.
Eine alternde Gesellschaft trifft auf ein System mit immer weniger Hausärzten: Ende 2025 waren über 6.900 Arztsitze in Deutschland unbesetzt, davon rund 4.200 in der hausärztlichen Versorgung – während Multimorbidität, Demenz und Polypharmazie bei chronisch Kranken stetig zunehmen. Dr. Landgraf zeigt, wie gefährlich diese Kombination werden kann und zeigt konkrete Lösungswege auf: Allein durch vermeidbare Medikationsfehler kommt es in Deutschland jährlich zu rund 250.000 Krankenhauseinweisungen, bis zu 68.000 Menschen sterben jährlich an unerwünschten Arzneimittelwirkungen.
Sicherheit bedeutet für Betroffene weit mehr als medizinische Korrektheit. Entscheidend sind Vertrauen in die Behandler:innen, Kontinuität der Betreuung, Einbindung in Therapieentscheidungen (Shared Decision Making) und Unterstützung in der individuellen Lebenssituation. Dieser Vortrag beleuchtet, wie strukturelle Umbrüche im Gesundheitssystem – von Leistungskürzungen bis zur holprigen ePA-Einführung – Verunsicherung auslösen, und wo gerade der aktuelle Kostendruck die Chance für echtes Change-Management im Gesundheitssystem bietet.
Nur etwa die Hälfte aller Arzneimittel wird wie verordnet angewendet, rund 5 % der Krankenhausaufnahmen gehen auf Arzneimittel-Nebenwirkungen zurück. Dr. Nina Griese-Mammen (ABDA) zeigt, welchen Beitrag Apotheken zu einer sicheren Versorgung leisten können: von Medikationsmanagement bei komplexer Dauermedikation über Unterstützung bei Injektabilia bis zu Prävention und Früherkennung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes – gestärkt durch die neuen Leistungen des ApoVWG.
In Baden-Württemberg fehlen bereits rund 1.000 Hausärzt:innen, in Mosbach liegt der Versorgungsgrad bei nur 78,3 %, und 38 % der Hausärzt:innen sind über 60 Jahre alt. Sana Kliniken München zeigt mit dem S | Medical-Room, wie hausärztliche Versorgung neu gedacht werden kann: eine Telemedizin-Box direkt in der Kaufland-Mall, wo eine medizinische Fachangestellte vor Ort begleitet und per Videosprechstunde ein Arzt zugeschaltet wird. Seit November 2025 werden hier bereits Patient:innen versorgt – ein Modell gegen den Hausärztemangel im ländlichen Raum.
Mit SmED steht Deutschland ein evidenzbasierter Goldstandard zur Ersteinschätzung zur Verfügung – im Einsatz bei der 116 und 117, in Notaufnahmen, Rettungsdiensten und Arztpraxen, mit bislang weit über einer Million durchgeführten Assessments. Tobias Herrmann zeigt, wie strukturierte Entscheidungsunterstützung Patient:innen sicher zur richtigen Versorgung lotst, und wie sich das Prinzip künftig auf chronisch Erkrankte ausweitet: mit Behandlungsplänen, die Selbstmanagement stärken und den Dialog zwischen Patient und Arzt fördern.
73 % der Todesfälle nach Operationen ereignen sich nicht auf der Intensiv-, sondern auf der Normalstation. 90 % kritischer Sauerstoffabfälle bleiben dort unbemerkt. Prof. Dr. Akira-Sebastian Poncette (Charité Berlin) zeigt, warum kontinuierliches Monitoring und KI angesichts alternder Bevölkerung und Personalmangels unverzichtbar werden – und warum Technik allein noch nie Sicherheit erzeugt hat. Im Zentrum: Alarmmüdigkeit, Automation Bias und Verantwortungsdiffusion als neue Risiken, und wie Kliniken den Wandel aktiv mitgestalten können.
Chronische Erkrankungen sind kein einzelner Termin, sondern dauerhaftes Management. Dafür braucht es Verantwortung im Team. Robert Bitterlich zeigt, welches Kompetenzprofil Community Health Nurses (CHNs) für die sichere Versorgung chronisch Erkrankter mitbringen müssen, wie weit der deutsche Rechtsrahmen für erweiterte heilkundliche Aufgaben heute reicht – und wo er noch offen ist. Im Zentrum steht ein konkreter Vorschlag zum Scope of Practice zwischen CHNs und Hausärzt:innen, denn mehr Befugnis heißt immer auch mehr Verantwortung.
Best Practice: Ausgezeichnete Patientensicherheit
Moderation Frederick Meilwes
Dr. Jambor zeigt anhand aktueller Evidenz, wie stark verbale Wahrscheinlichkeiten, unklare Risikoformate und komplexe Zahlen das Verständnis von Krebspatienten und ihren Angehörigen untergraben, und stellt fünf evidenzbasierte Konzepte für verständliche medizinische Risikokommunikation vor. Im Zentrum steht ihr eigenes Forschungsprojekt zu piktogrammbasierten, visuellen Behandlungszeitplänen. Es zeigt sich, dass visuelle Hilfen Verständnis, Sicherheit und Zuversicht der Patienten spürbar steigern – mit hoher Zustimmung von Ärzten, Patienten und Angehörigen gleichermaßen.
Über 1.000 anonymisierte Fallberichte, 95 % der Meldenden schätzen das Wiederholungsrisiko als hoch ein und fast 75 % fühlen sich zu Patientensicherheit schlecht informiert. Marcus Rall, Saskia Huckels-Baumgart und Clara Monaca (DGPS) zeigen stellen das anonyme Melde- und Lernportal Mehr-Patientensicherheit.de für Versicherte Patient:innen und Angehörige vor und erklären, was die Auswertung von über 1.390 Meldungen für die Zukunft der Patientensicherheit in Deutschland bedeutet.
Bis zu 20 % aller Kinder und Jugendlichen leiden unter Spritzenphobie. Für sie wird jede Impfung, Blutentnahme oder Diagnostik zur massiven Belastung, oft mit Vermeidung notwendiger Arztbesuche. Das Team der Kinderanästhesiologie am UK Bonn hat ein Stufenkonzept entwickelt, um Vertrauen durch intensive Vorgespräche, aktives Zuhören und individuelle Begleitung am Behandlungstag zu schaffen. Erfahrungen mit über 80 Patient:innen zeigen: Mit der richtigen Herangehensweise werden Impfungen, Blutentnahmen und selbst apparative Diagnostik wieder möglich – zur großen Erleichterung von Kindern und Eltern.
IMPRESSIONEN TAG 1 UND IMPRESSIONEN TAG 2






















